2016-09-16
Farbe bringt Freude ins Leben und Ausdruck in die Sprache. Gelb ist der Neid, grün die Farbe der Hoffnung, blau das Blut der Adeligen und schwarz die Zukunft der Pessimisten. Ganz schön bunt – die deutsche Sprache.
„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum", das wusste schon der Faust von Goethe. Recht hat er. Farbe bringt Leben in die Sprache und zwar auf sehr unterschiedliche Weise.
Grau ist der Alltag, langweilig und monoton, wenn ihm die kleinen Farbtupfer fehlen, das freundliche Lächeln der Nachbarin, ein Brief von alten Bekannten, die Aussicht auf eine Gehaltserhöhung am Ende des Jahres. Mit dem jetzigen Lohn ist oft auf keinen grünen Zweig zu kommen. Man will sich doch etwas leisten und der lieben Ehefrau auch mal ein hübsches Geschenk machen können. Schließlich ist die Zeit der Verliebtheit lange vorbei, als sie ihn immer nur durch die rosarote Brille sah und jeden Abend verzieh, den er im Büro verbrachte.
Und hatte ihn nicht zuletzt der Chef geradezuüber den grünen Klee gelobt, seinen Einsatz und sein Talent fast schon übertrieben betont? „Müller, sie haben mit ihrer Argumentation voll ins Schwarze getroffen, auf den Punkt sozusagen."
Andererseits waren da diese seltsamen Beschwichtigungen vom Abteilungsleiter, wenn er nachfragte, wie und wann denn nun das mit der Gehaltserhöhung sei, seine Frau habe sich vor kurzem eine Eigentumswohnung angeschaut, die Zeit werde langsam knapp. „Nur nicht schwarz sehen, Müller, positiv denken" hatte der Abteilungsleiter gesagt.
„Für alles gibt es den richtigen Zeitpunkt, wenn erst mal die Umsatzzahlen der neuen Produktion im grünen Bereich sind, dann, ja dann. Sonst würden ja die Kollegen gelb vor Neid, wenn der Chef sie jetzt schon belohnen würde. " Wo ich doch schon so eine tolle Frau hätte und so einen goldigen Sohn. Stimmt, Kollege Schulze ist mir eh nicht grün und hat immer etwas an mir und meiner Arbeit auszusetzen.
Aber am schlimmsten ist dieser Grünschnabel aus der Postabteilung, gerade mal 25 Jahre mit nur zwei Jahren Berufserfahrung. Jeden schwärzt eran, wegen der kleinsten Kleinigkeit. „Sie haben da vergessen, etwas abzurechnen! Das habe ich hierschwarz auf weiß. " Dabei hat der doch selber keine weiße Weste und nimmt immer jede Menge Briefmarken und Umschläge mit nach Hause.
Und Schwarzfahren ist doch sein Hobby. Hat er letztens noch damit angegeben. 20 Stationen ohne Fahrausweis. Würde er mindestens dreimal die Woche machen. Aber auf die Schwarzarbeiterschimpfen, die sich ohne Steuern zu zahlen mit ihren Jobs eine goldenen Nase verdienten, wie er meint. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, heißt es ja. Aber wenn der noch mal den Mund aufmacht, dann sehe ich rot, dann werde ich ihm mal so richtig meine Meinung sagen.
Ach, blaublütig müsste man sein wie die Adeligen, ein Graf oder Fürst oder so etwas – mit guter Erbschaft, Schloss und Pferdekoppel. Dann müsste man nicht ständig auf denSilberstreif am Horizont warten und von goldenen Zeiten nur träumen, könnte einfach mal blau machen und nicht im Büro erscheinen – und wenn die anderen sich grün und blau ärgern, ruhig seinen Milchkaffee im Bistro schlürfen.
Andererseits „von Müller" würde auch ziemlich doof klingen. Und die „von und zu's" sind ja auch nicht alle reich. Wenn man reich ist und bekannt wie ein bunter Hund wie zum Beispiel der Fürst von Monaco, dann kann das ja auch ziemlich anstrengend sein. Aber man wird ja wohl mal träumen dürfen, so ins Blaue hinein.
Also gut, ich warte noch bis zum nächsten Monat. Wenn dann nicht endlich grünes Licht kommt für meine Gehaltserhöhung, dann, dann sollen die ihr blaues Wunder erleben!
2016/9/23 21:02:20
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