2015-05-08
Denk bevor du sprichst! Sprich in ganzen Sätzen! – zwei elterliche Ermahnungen, beim Sprechen möglichst druckreif zu formulieren. In der Realität ist es aber nicht so einfach, in ganzen Sätzen zu sprechen.
Kinder können nervig sein, sie werden aber auch genervt. Ein dreijähriges Kind bekommt im Durchschnitt zweihundert Befehle und Ermahnungen tagtäglich zu hören, darunter auch viele sprachliche Korrekturen:
„Das sagt man nicht! " , „Das sagt man so! " Und immer wieder heißt es: „Sprich in ganzen Sätzen! " Aber auch Erwachsene, die einen Rhetorikkurs besuchen, müssen lernen, in ganzen Sätzen zu sprechen. Offensichtlich gibt es hier ein Problem. Aber welches?
Niemand verlangt: „Schreib in ganzen Sätzen! Wie sollte man denn anders schreiben außer Satz für Satz, jeweils getrennt durch Punkt oder ein anderes Schlusszeichen. Beim Sprechen gibt es aber weder Punkt noch Komma, der Redefluss wird lediglich durch Pausen und bestimmte Betonungsverläufe gegliedert.
Im Idealfall, wenn jemand druckreif formuliert, entspricht das zwischen zwei Pausen Gesagte einem grammatischen Satz mit Subjekt, Prädikat und Ergänzungen. Aber oft glückt das nicht: Der Sprecher versucht zwar, einen druckreifen Satz zu bilden, reißt aber einige Hindernisse und kommt nicht fehlerfrei ans Ziel.
Nehmen wir ein Beispiel. Angela Merkel antwortete einmal auf die Frage, ob sie für enge Beziehungen zwischen Deutschland und den USA sei wie folgt: „Ja, ich hab', ähm, ich bin der Überzeugung, dass gute transatlantische Beziehungen, ähm, eine wichtige Aufgabe sind, äh, und dass das im deutschen Interesse liegt …"
Analysieren wir diese Äußerung. Sie beginnt mit einem Fehlstart, der zum Satzabbruch führt: „Ja, ich hab'" . Darauf folgt ein zweiter – dieses Mal erfolgreicher Anlauf –, der einen ganzen, allerdings noch nicht druckreifen Satz ergibt. Denn in einer schriftlichen Fassung würde man zumindest die drei „Ähs" weglassen.
Als Kinder haben wir den Merksatz gelernt: „Denke bevor du sprichst! " Warum ist es also so schwierig, beim Sprechen ganze und wohlgeformte Sätze zu bilden? Nun, beim Schreiben kann man sich mit dem Formulieren Zeit lassen.
Beim Sprechen läuft es in Echtzeit ab: Der Sprecher muss seine Äußerung gleichzeitig gedanklich erstellen, sprachlich korrekt umsetzen und schließlich artikulieren – und das alles mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich zwei bis drei Wörtern pro Sekunde.
Eine solche Sprechfertigkeit erwirbt man nicht automatisch mit der Muttersprache. Sie ist vielmehr eine Leistung, die Übung und Konzentration erfordert. Das Gebot, in ganzen Sätzen zu sprechen, wird deshalb im Sprachalltag wenig erfüllt.
Außerdem ist es in der Kommunikation oft unnötig, weil satzlose Konstruktionen hinreichend eindeutig sind – ein „Ja" oder „Nein" , formelhafte Wendungen wie „Guten Morgen" oder sogar Satzverkürzungen reichen aus. Fragt eine Verkäuferin zum Beispiel statt: „Darf es noch etwas sein? " einfach nur: „Noch etwas? " , wird sie verstanden.
Und manch einer, der wie gedruckt spricht, bekommt zu hören, dass er gestelzt redet. Kinder werden jedoch auch früh ermahnt: „Sprich in ganzen Sätzen! " . Dahinter steckt eine bestimmte Absicht:
Das Kind soll in ganzen Sätzen sprechen, um die Schriftsprache besser zu erlernen. Schon der Begriff „Satz" bezieht sich auf die geschriebene Sprache, ebenso der Begriff „Wort" . Kinder wissen zunächst nicht, was ein Satz oder ein Wort ist. Erst beim Schreiben im Deutschunterricht lernen sie, was hinter den abstrakten Begriffen wirklich steckt.
In der gesprochenen Sprache sind weder die Wörter noch die Sätze akustisch markiert. Man hört im normalen Redefluss keine Wortzwischenräume, keine Groß- und Kleinschreibung und keine Interpunktion mit dem Punkt als Satzende. Diese Strukturmerkmale der geschriebenen Sprache muss das Kind erst lernen und dann auf die gesprochene Sprache übertragen.
Ist dieser Schriftsprachenerwerb abgeschlossen, hat das Kind also Lesen und Schreiben richtig gelernt. Spätestens dann sollte die Sprachdidaktik allerdings ihr „Sprich in ganzen Sätzen! " ruhen lassen.
Denn die gesprochene Sprache ist spontaner als die geschriebene. Diese Spontaneität führt zu Äußerungen, die häufig nicht die Bedingungen eines kompletten Satzes erfüllen oder das Satzende nicht mit schriftsprachlicher Korrektheit erreichen. Wie sagte schon Goethe in seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit" :
„Reden und Schreiben sind ein für allemal zweierlei Dinge. " Bei einem Satz wie „Wir bitten Sie, sich vorzugsweise online zu bewerben, um so den Personalauswahlprozess schneller und effektiver zu gestalten" ist glasklar, dass er typisch schriftdeutsch ist. Im gesprochenen Deutsch würde man ganz einfach sagen: „Am Besten bewerben Sie sich online. Dann geht's schneller. "
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