2016-08-31
In deutschen Fußgängerzonen sind sie fast überall anzutreffen: Straßenkünstler. Die meisten „spielen auf Hut", um sich etwas Geld zu verdienen. Besonders gute Straßenkünstler treten auch auf Festivals auf.
Durch die Zuschauer-Menge hindurch knattert ein kleines Miniauto auf drei Rädern. Auf dem Dach eine Ein-Mann-Band, davor eine Zirkusmanege mit einer Handpuppe als Direktor. Circumloqui, der wahrscheinlich kleinste Zirkus der Welt, ist aus Spanien gekommen. Der Anlass: das Stamp-Festival in Hamburg. Keine hundert Meter entfernt spielt die deutsche Band „Franz Biberkopf". Der Bandname hat einen literarischen Ursprung: Franz Biberkopf heißt der Protagonist, die wichtigste Person, in dem Roman „Berlin Alexanderplatz"von Alfred Döblin. Und dieser Protagonist hatte zwei der Bandmitglieder, die den Roman im Deutschunterricht gelesen hatten, so beeindruckt, dass sie ihre Band so nannten. Denn schon zu Schulzeiten haben sechs der sieben Mitglieder der Rap- und Reggae-Band zusammen musiziert. Christoph und Dominik gehören dazu. Was mögen sie an der Straßenmusik?
„Also, man kann einfach losfahren und einfach Mucke machen auf der Straße, das ist halt super. / Weil wir halt Studenten sind, brauchen wir halt 'n bisschen Kohle immer so für 'n Sprit. Übernachten ja, meist bei Freunden – man kennt halt Leute in den Städten – manchmal muss man auch im Auto schlafen, oder man fragt halt Leute auf der Straße, oder man stellt 'n Schild in den Koffer: ‚Wir suchen noch irgendwie Schlafplätze. ' Aber meistens kriegen wir halt ziemlich positive Resonanz so. Und dann geht das eigentlich schon meistens klar."
Christoph findet es schön, dann Musik, wie er umgangssprachlich sagt: Mucke, zu machen, wenn er Zeit und Lust darauf hat. Für Dominik bedeutet Straßenmusik eine zusätzliche Einnahmequelle. Denn Studenten wie er, die zum Beispiel ein Auto besitzen, müssen das Benzin, den Sprit, bezahlen. Und dafür brauchen sie Geld, umgangssprachlich Kohle. Die meisten Straßenkünstler stellen dann einen Kasten, einen geöffneten Koffer, auf oder gehen mit einem Hut herum. Das Problem der Übernachtung regelt sich meist von selbst, da sie meist immer jemanden finden. Die Resonanz ist, so Dominik, gut. Der Argentinier Maurangas, der eigentlich Mauro Wolinsky heißt, belässt es nicht nur dabei, dass alle mitklatschen. Immer wieder rennt er in die Menge, umarmt ihm unbekannte Menschen, schnappt sich meist schüchtern blickende Zuschauer und nimmt sie mit auf seine Bühne. Der Jongleur und Clown hat die Erfahrung gemacht, dass die Zuschauer sich in der Regel nicht weigern. Der Grund:
„Hier haben sie die Möglichkeit, an der Show teilzunehmen. Ich denke, das ist das Geheimnis des Straßentheaters."
Anders sieht das ein kanadischer Artist. Seiner Erfahrung nach reagieren die Zuschauer in jedem Land anders:
„Manche Leute sind schüchterner als andere. Die Deutschen sind nicht schüchtern, sie geben dir Energie. In Mazedonien zum Beispiel, da kommen sehr viele Leute und schauen zu, aber wenn du versuchst sie zu packen, dann laufen sie weg. Also, sie schauen nicht nur weg, sie laufen wirklich weg."
In Hamburg läuft niemand weg, auch nicht, wenn ein Straßenkünstler wie dieser kanadische Artist versucht, einen Zuschauer festzuhalten, zu packen, um ihn zum Mitspielen zu bewegen. Die meisten Künstler wollen mit ihrer Kunst Geld verdienen. Viele gehen daher nach ihrer Aufführung mit einem Hut herum:
„Danke schön! Danke! Danke schön! Danke! !"
Auch beim Stamp-Festival ist das „Hut-Geld" der Zuschauer ihre Gage, ihre Bezahlung für den Auftritt. Doch es gibt auch Straßenkünstler-Festivals, auf denen von den Veranstaltern richtige Gagen gezahlt werden. Und Marc André von der Veranstaltungsfirma Buskers findet das in Ordnung:
„Also, [das] hat halt nichts irgendwie [mit] Bettlerei und Almosen zu tun, sondern es sind eben Leute, die machen das professionell, die sind einfach richtig gut, die arbeiten extrem hart dafür. Und deswegen ist es auch eigentlich unser Anliegen, irgendwann so weit zu sein, dass wir finanziell so gut aufgestellt sind, dass wir denen auch Gagen zahlen können. In anderen europäischen Ländern ist es gang und gäbe, oder also, es gibt eben sowohl Festivals, wo man nur „auf Hut" spielt, aber es gibt eben auch genug Festivals, wo man dann 'ne Gage kriegt."
Marc André hofft, dass auch das Hamburger Festival irgendwann in der Lage ist, den teilnehmenden Künstlern und Künstlerinnen eine feste Gage zu zahlen. Dafür muss es aber selbst erst einmal über genügend Geld verfügen, es muss finanziell gut aufgestellt sein. Denn – so Marc André – bei ähnlichen Festivals in anderen Ländern ist es üblich, gang und gäbe, die Straßenkünstler zu bezahlen. Seiner Erfahrung nach spielen die meisten von ihnen aber sehr gerne „auf Hut". Sie sind überzeugte Straßenkünstler – wie die Sängerin Hannah:
„Ich arbeite lieber auf der Straße, weil man es mit unterschiedlichen Leuten zu tun hat. In einer Bar hast du nämlich nur eine Altersgruppe von Leuten. Hier ist eine andere Umgebung. Es ist auch gut, weil meine Musik wird so Leuten zugänglich gemacht, die sie normalerweise nicht gehört hätten, die sie nicht im Internet gefunden hätten und nicht in eine Bar gegangen wären, um sie zu hören."
Hannah mag es, auf der Straße mit ihrer Gitarre zu stehen, begleitet von Marco am Schlagzeug, weil sie verschiedene Menschen erreicht. Passanten – egal welchen Alters oder welchen Berufs – bleiben stehen, um ihr zuzuhören. Sie macht ihre Musik damit Leuten zugänglich, die sie wahrscheinlich nie gehört hätten, es sei denn, sie wären zum Beispiel gezielt zu einem ihrer Auftritte in einer Bar gegangen oder hätten im Internet nach ihr gesucht. Hannah genießt zudem das Spontane der Straßenmusik und die Freiheit. Doch auch für Straßenkünstler gibt es bestimmte Regeln: Diese sind von Bundesland zu Bundesland, oft sogar von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. Grundsätzlich braucht jeder eine offizielle Genehmigung. Marc André von Buskers hat selbst schon als Straßenkünstler gearbeitet und kennt ihren Alltag. Wer gut genug ist, spielt nicht nur in Fußgängerzonen, sondern wird auch zu Festivals eingeladen. Und das will gut geplant sein, sagt Marc André:
„Man schaut dann einfach, dass man sich irgendwie 'ne kleine Tournee oder eben sein Jahr eigentlich plant, wie und wo kann ich auftreten. Und wenn man irgendwo weiter weg – wenn man vom deutschen Künstler ausgeht – in der Schweiz, in Italien, also jetzt Südeuropa ist und da was gut Bezahltes hat, dann macht man das und guckt dann, ob man aufm Weg noch Festivals mitnehmen kann, wo man vielleicht dann auch keine Gage kriegt."
Viele dieser Straßenkünstler planen ihre Auftritte im Jahr fast wie ihre berühmteren Kollegen als kleine Tournee. Sie schauen, wo man für einen Auftritt bezahlt wird und wo es auf der Reise noch Festivals gibt, an denen man dann auch noch teilnehmen, die man mitnehmen kann. Alle diejenigen, die nur auf der Straße ihre Kunst ausüben, nehmen für die besondere Atmosphäre die Regeln, das Reisen und die unsichere Bezahlung gerne in Kauf. Und wer es – wie das Artistenduo „LOL Brothers" aus Montreal – versteht, aus seinem Auftritt eine grandiose Party zu machen, für den ist zumindest ein tosender Applaus eine Belohnung:
„Thank you! Merci! Danke schön!"
2016/9/1 9:57:24
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