2015-09-13
Stefan Zweig.
Brief einer Unbekannten.
Als der bekannte Romanschriftsteller R. früh morgens von dreitägigem erfrischendem Ausflug ins Gebirge wieder nach Wien zurückkehrte und am Bahnhof eine Zeitung kaufte, wurde er, kaum dass er das Datum überflog, erinnernd gewahr, dass heute sein Geburtstag sei.
Der einundvierzigste, besann er sich rasch, und diese Feststellung tat ihm nicht wohl und nicht weh.
Flüchtig überblätterte er die knisternden Seiten der Zeitung und fuhr mit einem Mietautomobil in seine Wohnung.
Der Diener meldete aus der Zeit seiner Abwesenheit zwei Besuche sowie einige Telephonanrufe und überbrachte auf einem Tablett die angesammelte Post.
Lässig sah er den Einlauf an, riss ein paar Kuverts auf, die ihn durch ihre Absender interessierten; einen Brief, der fremde Schriftzüge trug und zu umfangreich schien, schob er zunächst beiseite.
Inzwischen war der Tee aufgetragen worden, bequem lehnte er sich in den Fauteuil, durchblätterte noch einmal die Zeitung und einige Drucksachen; dann zündete er sich eine Zigarre an und griff nun nach dem zurückgelegten Briefe.
Es waren etwa zwei Dutzend hastig geschriebene Seiten in fremder, unruhiger Frauenschrift, ein Manuskript eher als ein Brief.
Unwillkürlich betastete er noch einmal das Kuvert, ob nicht darin ein Begleitschreiben vergessen geblieben wäre.
Aber der Umschlag war leer und trug so wenig wie die Blätter selbst eine Absenderadresse oder eine Unterschrift.
Seltsam, dachte er, und nahm das Schreiben wieder zur Hand.
»Dir, der Du mich nie gekannt«, stand oben als Anruf, als Überschrift.
Verwundert hielt er inne: galt das ihm, galt das einem erträumten Menschen?
Seine Neugier war plötzlich wach. Und er begann zu lesen:
2015/9/13 12:41:34
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