2016-11-19
SPRECHERIN: Sport ist ihr Tagesgeschäft.
Das Team des Hamburger Fußballportals „FussiFreunde" berichtet über regionale Spiele.
Das Besondere: Viele ihrer Texte schreibt eine Software.
In Deutschland gehört die Redaktion zu den ersten, die mit Roboterjournalismus experimentieren.
Eine künstliche Intelligenz als Reporter?
Für Journalisten klingt das bedrohlich.
FussiFreunde-Chef Dirk Becker sieht den Automatisierungstrend aber positiv: DIRK BECKER (Chef des Fußballportals FussiFreunde): Die automatisch generierten Texte bringen für uns den riesigen Vorteil mit, dass wir wesentlich mehr Ligen, wesentlich mehr Spiele abdecken können als Redaktion.
Das war vorher mit der gegebenen Manpower schlicht nicht zu schaffen.
SPRECHERIN: Über 400 Vor- und Nachberichte schreibt das Programm pro Woche.
Den Rest übernehmen die Redakteure.
Einfache, datenbasierte Texte – das bekommt die Software am besten hin.
Entwickelt wurde das Programm in Berlin.
Sebastian Golly leitet beim Technologie-Dienstleister „Retresco" den Bereich Textgenerierung.
Zusammen mit seinem Team arbeitet er an Automatisierungsprogrammen.
Eine so genannte Textengine wertet Daten aus, zum Beispiel von einem Fußballspiel.
Die Daten werden von Redakteuren eingetragen und automatisch an die Software übermittelt.
Daraus generiert sie Artikel.
Mindestens fünf Texte pro Sekunde schafft das Programm.
Aber wann gilt ein Team als „Favorit"?
Und wann spricht man von einem „Debakel"?
Immer wieder müssen Programmierer den Algorithmus anpassen, denn auch er macht Fehler.
SEBASTIAN GOLLY (Programmierer): Es wäre nicht richtig, zu behaupten, die Engine macht keine Fehler.
Natürlich, es sind Menschen im Hintergrund, Menschen, die die Engine programmieren, Menschen, die die Regeln festlegen.
Der große Unterschied ist: Wenn die Engine einen Fehler macht und wir den korrigieren, dann wird sie diesen Fehler nie wieder machen.
SPRECHERIN: In den USA ist Roboterjournalismus längst etabliert.
Die „LA Times" lässt eine Software Erdbebenmeldungen schreiben.
Das Magazin „Forbes" und die Nachrichtenagentur „AP" setzen ebenso auf Automatisierung.
Auch die Forschung interessiert sich für das Konzept.
Ein Team der Universität München stellt computergenerierte Nachrichten zur US-Wahl online.
Die ersten Texte auf der Prognoseseite „PollyVote" sind noch fehlerhaft.
Aber die Roboter werden immer zuverlässiger, meint Journalismusforscherin Claire Wardle.
CLAIRE WARDLE (Journalismusforscherin): Die Forschung zeigt, dass die meisten Leute einen handgeschriebenen Text nicht von einem computergenerierten Text unterscheiden können.
Gerade weil es sich dabei um diese formelhaften Beiträge handelt, die jeder schreiben könnte.
SPRECHERIN: Doch was ergibt der Praxistest?
In Hamburg liegen Fußballfans zwei verschiedene Berichte zum selben Spiel vor.
Welcher wurde von einer Software geschrieben?
Im Test liegen die meisten Probanden falsch.
MANN 1: Der Spielbericht ist top, also, ich würde jetzt nicht sagen können, dass das von ʼner Maschine ist.
MANN 2: Hätte ich nicht gedacht, dass das so ausführlich sein kann.
MANN 3: Schon ʼn bisschen gruselig.
SPRECHERIN: Werden Journalisten also doch bald ersetzt?
Unwahrscheinlich, denn Algorithmen haben keine Meinung, können nicht einordnen.
Das weiß auch Sebastian Golly.
SEBASTIAN GOLLY: Ich glaub, es gibt ganz viele Bereiche des Journalismus, die weiterhin sehr gut von Menschen bedient werden und wo der Roboterjournalismus nichts zu suchen hat.
Also, ein Kommentar zum aktuellen politischen Geschehen wird so bald nicht automatisch generiert werden.
SPRECHERIN: Außerdem muss auch jeder Roboterartikel inhaltlich überprüft werden.
Die Software verdrängt hier keine Mitarbeiter.
Im Gegenteil: Durch die Automatisierung hat das FussiFreunde-Team mehr Zeit für Hintergrundberichte.
2016/11/26 17:18:54
2016/11/27 0:32:10
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